Ich war ein sehr scheues Kind. Selbst gegenüber meinem Gotti und meinem Götti traute ich mich kaum zu sprechen. Ich ging ihnen oft aus dem Weg und mochte es nicht, Ferien bei ihnen zu verbringen.
Wenn ich zu meinem Götti musste, musste Armin immer mitkommen – ich wollte nicht alleine hin. Die Ferien dort in den Alpen dauerten meistens nur zwei Tage. Und trotzdem fiel mir selbst das schwer. Muetti und Dädi mussten mich abends ins Bett bringen und erst danach nach Hause gehen – sonst hätte ich ununterbrochen geweint.
Mit der Zeit traute ich mich dank meiner jüngeren Cousine Tanja auch, ein paar Tage bei unserem gemeinsamen Gotti zu verbringen. Doch auch dort fühlte ich mich nie richtig wohl. Mein Gotti schüchterte mich ein. Ich wagte kaum, etwas zu sagen – aus Angst, es könnte falsch sein.
Immer wenn ich etwas Unentschlossenes sagte wie „Mir egal“ oder „Weiss nicht“, bekam ich sofort zu hören: „Das gibt es nicht.“ Dieser Satz begleitet mich bis heute.
Doch heute sehe ich ihn mit anderen Augen: Er erinnert mich daran, dass ich Haltung zeigen darf – dass ich eine eigene Meinung haben und ausdrücken kann. Früher war er Druck, heute ist er Ansporn zur Klarheit.
