Schulweg
Auf dem Schulweg wurde ich oft gehänselt. Immer wieder waren es die gleichen Kinder, die sich über mich lustig machten. Später kam noch dazu, dass ein Nachbarsjunge mich gezielt mit Schneebällen bewarf – so heftig, dass ich vom Fahrrad stürzte. Als ich mich wieder aufrichten wollte, rutschte ich auf dem Glatteis erneut aus und landete wieder auf dem Boden. Er lachte laut – und die anderen Kinder um uns herum lachten mit. Niemand kam mir zur Hilfe.
Ein anderer Junge drängte mich immer wieder von der Strasse auf die Wiese oder sprühte mir Konfettispray ins Gesicht. Ich hatte oft Angst auf dem Schulweg – besonders dann, wenn kein Geschwisterteil mich begleiten konnte. Zwei ältere Mädchen versperrten mir an manchen Tagen absichtlich den Weg, sodass ich gezwungen war, über die nasse Wiese auszuweichen oder einen Umweg zu nehmen.
In der Schule
Während der Schulzeit hatte ich keine gleichaltrigen Kolleginnen, mit denen ich die Pausen verbringen konnte. Deshalb schloss ich mich oft meiner Schwester und ihren Freundinnen an. Doch als sie für die Oberstufe in ein anderes Schulhaus wechselten, stand ich plötzlich alleine da. Meine Schwester gab mir den Rat, die Pausen für mich selbst zu nutzen – ein bisschen spazieren, die frische Luft geniessen. So würde die Zeit schneller vergehen, meinte sie.
Später fand ich ein wenig Anschluss bei jüngeren Kindern, die ich durch die Trachtengruppe kennengelernt hatte. Während ich in der 4. Klasse war, spielten sie noch in der 1. oder 2. Klasse – doch sie nahmen mich in der Pause freundlich auf, und dafür war ich dankbar.
Kinder in meinem Alter hingegen hielten lieber Abstand. Sie wollten nicht, dass ich mit ihnen spielte – und selbst im Klassenzimmer setzten sie sich nur ungern neben mich.
Manchmal liessen mich die anderen Kinder in Ruhe. Es gab sogar ein paar Geburtstagseinladungen. Doch wirklich willkommen fühlte ich mich selten.
Einmal wurde ich von einem Mädchen zum Geburtstag eingeladen – aber ihre beiden besten Freundinnen waren ebenfalls dort. Die drei sprachen fast ausschliesslich miteinander, und ich konnte kaum mitreden. Sie kannten sich aus dem gleichen Quartier, ich war für sie eine Aussenstehende. Als ich erwähnte, dass ich bei uns zuhause manchmal die Kirchenglocke höre, wurde das gleich angezweifelt. „Das kann nicht sein“, sagten sie, „wir hören sie manchmal nicht mal hier – wie willst du sie dann zwei Kilometer weiter hören?“ Dass Windrichtung und Wetter dabei eine Rolle spielen, wusste ich damals noch nicht. Es blieb bei einem unguten Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.
Auch sonst wollten die Kinder nie zu mir nach Hause zum Spielen kommen – unser Haus lag 2,5 Kilometer ausserhalb des Dorfes, und der Weg war ihnen mit dem Velo zu weit. In der 3. oder 4. Klasse wollte unsere Lehrerin wissen, wo wir alle wohnen, damit auch wir untereinander ein besseres Bild voneinander bekommen. Sie organisierte einen Ausflug: Wir besuchten die Wohnorte der Kinder – Haus für Haus. Als wir bei einem Mädchen ankamen, das bereits etwas ausserhalb des Dorfes wohnte, war mein Zuhause als Letztes an der Reihe. Die Lehrerin fragte mich, wie weit es noch sei. Ich antwortete: „Ungefähr zwei Kilometer.“ Nach kurzem Zögern meinte sie: „Ist es für dich in Ordnung, wenn wir nicht mehr ganz bis zu dir nach Hause gehen? Die anderen Kinder konnten ja jeweils schon daheim bleiben, wenn wir bei ihnen waren.“ Ich nickte und sagte, es sei kein Problem. Natürlich wollte ich verständnisvoll wirken. Aber tief in mir war ich traurig. Ich hätte mir gewünscht, dass auch mein Zuhause ein Teil dieser Runde gewesen wäre – so wie bei allen anderen auch.
Einmal kam ein Mädchen zu uns auf Besuch. Gemeinsam suchten wir im Heuboden nach den neugeborenen Kätzchen – und fanden sie sogar. Es war ein schöner, unbeschwerter Nachmittag, den ich sehr genoss. Doch am nächsten Tag in der Schule war sie plötzlich ganz anders. Sie sprach kaum noch mit mir und schien kein Interesse mehr an mir zu haben. Ich verstand nicht, was passiert war. Es gab keinen Streit, keinen Vorfall. Ich blieb mit einem Gefühl der Verwirrung und Enttäuschung zurück.
