Gliedergürteldystrophie 2U EM Kindheit ED

Anamnestisch: progrediente Muskelschwäche

Zur Gruppe der progressiven Muskeldystrophien zählen unter anderem die Untertypen Duchenne, Becker Kiener und Glieder Gürtel. Alle zeichnen sich durch Abnahme der Muskelkraft aus. Jedoch unterscheiden sie sich im Zeitpunkt der ersten Manifestation und des betroffenen Proteins. Der Standort des Gendefektes entscheidet darüber, wie die Mutation an die nächste Generation weitergegeben wird. Aufgrund von fehlenden Kausaltherapien, beschränkt sich die Behandlung momentan noch auf die Symptomlinderung.

Unter der progressiven Muskeldystrophie ist die Erkrankung von Muskelgewebe zu verstehen, die einen Muskelschwund und somit eine Schwächung der Muskelkraft verursacht. Eine Mutation im Erbgut bewirkt, dass bestimmte essentielle Muskelproteine vom Körper nicht produziert werden. Der Aufbau an Muskelgewebe ist dadurch nicht oder nur sehr beschränkt möglich. Die betroffenen Personen sind in ihrer Mobilität stark eingeschränkt und besitzen eine reduzierte Lebenserwartung.
Obwohl die Muskeldystrophie im Jahr 1891 erstmals vom deutschen Neurologen Wilhelm Heinrich Erb beschrieben wurde, befindet sich die Medizinforschung zum Thema Muskelkrankheit noch am Anfang. Erst durch die Entdeckung von Dystrophin im Jahr 1987 konnte die genaue Zusammensetzung von Muskelgewebe beschrieben werden. Ab diesem Zeitpunkt erfolgte die systematische Erforschung der Muskelzusammensetzung und deren Gen-Codierung.
Aufgrund dieses Umstandes und der Seltenheit der Muskeldystrophie halten sich die allgemeinen Forschungstätigkeiten in diesem Bereich in Grenzen. Publikationen und Beschreibungen der Krankheitssymptome sind somit auf wenige Autoren beschränkt. In der vorliegenden Arbeit kann deshalb nur auf ein paar wenige aktuelle Berichte Bezug genommen werden.
Wenn wir mit einer seltenen Krankheit in Kontakt kommen, wissen wir oft nicht, wie wir damit umgehen sollen. Unbekanntes löst in uns oft Angstgefühle aus. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass wir die nähere Auseinandersetzung mit der Thematik möglichst vermeiden. Neben der Ratlosigkeit entwickelt sich dabei oftmals auch ein Ohnmachtsgefühl. Man fragt sich einerseits, was getan werden kann oder muss und andererseits, was man besser lassen sollte.

Unter dem Begriff Glieder Gürtel Dystrophie (LGMD von Limb-Girdle-Muscular-Dystrophy) wird eine heterogene Gruppe von verschiedenen Muskeldystrophien zusammengefasst. Alle zeichnen sich durch eine langsame progressive Schwäche mit Beginn der Gliedergürtelmuskulatur aus. Die LGMD-Typen werden zu den seltensten Muskelkrankheiten gezählt. Es wird davon ausgegangen, dass durchschnittlich vier Menschen pro 100’000 die Krankheitssymptome aufweisen. Weibliche und männliche Personen sind in gleichen Massen betroffen.

Wie oben beschrieben findet der Krankheitsbeginn hauptsächlich in den Schulter- und/oder Beckengürtelmuskulatur statt. Aber meist ist die Schwäche der Muskulatur in den ersten Jahren noch so wenig ausgeprägt, dass nicht von einer defizitären Entwicklung gesprochen wird. Das verspätete Laufen lernen und die eher langsamere Entwicklung der Motorik können lediglich einen Hinweis darauf sein. Ein noch am ehesten ausgeprägtesten Krankheitssymptom ist die fehlende Kraftentwicklung. Zudem ist schnelles Rennen und sich an etwas hochziehen nicht oder nur sehr schwer möglich. Die LGMD-Kinder benötigen ausserdem nach einer starken körperlichen Betätigung eine längere Erholungszeit.
Die ersten markanten und typischen Symptome sind erst im jungen Erwachsenenalter feststellbar. Die erkrankte Person wechselt langsam vom normalen Gang zum typischen Watschelgang. Die daraus resultierende Gangunsicherheit führt zu vermehrtem Stolpern und Hinfallen. Schnelles Treppensteigen ist bald nicht mehr oder nur noch mit einem Handlauf möglich. Die Stufen werden dabei einzeln und vermehrt nur noch mit einem Bein bestiegen. Beim Aufstehen ist wiederum das Gowers’ Zeichen zu beobachten.
Wie schnell die Muskeln an Kraft verlieren und welche Partien am stärksten betroffen sind, kann sich innerhalb der Gruppe sehr unterscheiden. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass die rumpfnahe Muskulatur am stärksten betroffen ist. Je weiter der Muskel vom Rumpf entfernt ist, desto weniger stark die Schwächung. Ebenfalls wurde schon beobachtet, dass bei den Oberarmen und Oberschenkeln die Streckmuskulatur stärker befallen ist, als die Beugemuskulatur.
Speziell erwähnungswert ist, dass eine Prognose zum Krankheitsverlauf bei Glieder Gürtel Muskeldystrophie sehr schwer möglich ist. In den letzten Jahren wurde vermehrt beobachtet, dass die Beteiligung der Herz-und Lungenmuskulatur sehr unterschiedlich ausfällt.

Als die Gentechnik noch nicht soweit fortgeschritten war, wurde den LGMD-Patienten ebenfalls ein Defekt auf dem Dystrophin-Gen zugeschrieben. Mit den später entwickelten immunhistochemischen [p] und molekulargenetischen Methoden konnte aber bald bestimmt werden, dass bei einer LGMD-Erkrankung das Protein Dystrophin nicht direkt beteiligt ist. Untersuchungen bei Patienten mit verschiedenen Manifestationen ergaben, dass Mutationen auf unterschiedlichen Genen den Phänotyp Glieder Gürtel auslöst. Mittlerweile wurden mehr als 40 verschiedene Gendefekte identifiziert. Dabei handelt es sich hauptsächlich um dystrophinassoziierte Proteine. Sie bilden mit vielen weiteren Zytoskelettproteinen und Intermediärfilamenten den komplexen Aufbau der Muskelfaser und sind für deren Funktion verantwortlich. Neuste Forschungsergebnisse gehen davon aus, dass einige Erkrankungen durch unterschiedliche Gendefekte bedingt sind und umgekehrt, dass ein Gendefekt zu mehreren ähnlichen aber doch unterschiedlichen Manifestationen führt.
Für die Klassifikation werden die verschiedenen Formen zunächst nach ihrem Erbgang in autosomal dominant und autosomal rezessiv aufgeteilt. Innerhalb dieser Gruppen werden die Unterformen nach der Reihenfolge ihrer Erstbeschreibung alphabetisch nummeriert. Mit dem Vorausstellen der englischen Abkürzung von Muskeldystrophie Glieder Gürteltyp (Limb-Girdle-Musculatur-Dystrophy) ergibt sich folgende Bezeichnung: LGMD1A (autosomal dominant) und LGMD2A (autosomal rezessiv).

Im Vergleich zur Muskeldystrophie Duchenne und Muskeldystrophie Becker Kiener ist der Ursprung des Gendefekts nicht auf den Geschlechtschromosomen zu finden. Die Mutationen der verschiedenen Formen sind auf die 22 autosomalen Chromosomenpaare verteilt. Bei der Vererbung wird zwischen einer dominanten und rezessiven Vererbung unterschieden.

Für eine mögliche Behandlung der Glieder Gürtel Muskeldystrophie ist die genaue Diagnose und Einteilung in die Untergruppen essentiell. Da die Mutationen an unterschiedlichen Genorten zu lokalisieren sind, können nicht allgemeine Medikamente und Ansätze verfolgt werden.
Eine vollständige Heilung der Krankheit kann trotz starken Bemühungen und durchgeführten Studien (noch) nicht erzielt werden. Beispielsweise wurde versucht, die eingewanderten entzündlichen Plasmaproteine, die spezifisch bei der Form LGMD2B auftreten, zu reduzieren. Mit dem Einsatz von entzündungshemmenden und antiallergischen Wirkstoffen (wie zum Beispiel die Medikamenten Deflazacort und Prednisolon) konnten aber keine nennenswerten Verbesserungen erzielt werden. Eine mögliche positive Wirkung der Medikamente bei den Formen LGMD2E, LGMD2I und LGMD2M wird momentan noch untersucht. Kein Erfolg konnte mit dem viralen Gentransfer von α-Sarkoglykan bei den Formen LGMD2C bis LGMD2F erbracht werden. An dieser Stelle ist noch zu erwähnen, dass die klinischen Studien immer nur an sehr wenigen Probanden getestet werden konnten, da die Anzahl an Erkrankten sehr gering ist.
Wie aus dem Spitzensport bekannt, wird Kreatin zur Förderung der Maximalkraft und zur Verringerung von Zellschäden bei Ausdauersportarten einsetzt. Durch eine Metaanalyse konnte der positive Effekt auf die Maximalkraft und die verbesserte Bewegungsfunktion bei LGMD Patienten ebenfalls bestätigt werden. Ist die Gehfähigkeit des LGMD Betroffenen noch intakt, wird die Einnahme von Kreatin oft mit einem individuell abgestimmten aeroben Ausdauertraining kombiniert.
Da es für die Glieder Gürtel Muskeldystrophie bis heute ebenfalls noch keine Kausaltherapie gibt, bekommen die Symptomatik- und die physikalischen Therapien auch hier eine grosse Bedeutung. Durch regelmässige sportliche Tätigkeiten kann das Gehen und andere motorische Fähigkeiten erhalten und eventuell verbessert werden. Ist die Krankheit schon weit fortgeschritten und die Kontrakturen stark ausgeprägt, wird oft eine orthopädische Korrektur und/oder eine operative Behandlung in Betracht gezogen.